Nachlese JFMH16

Was nehme ich mit vom JFHM16? Zunächst einmal finde ich das Format toll. Forscher, die gerade ein neues Forschungsprojekt gestalten, haben hier die Möglichkeit, professionelles und konstruktives Feedback zu ihrer Arbeit zu erhalten. Ich fand es sehr bemerkenswert, in welcher Art die Feedback-Geber sich in die Veranstaltung eingebracht haben. Normalerweise findet ein Peer-Review hinter verschlossenen Türen statt. Hier wagen sich die Peers in die Teilöffentlichkeit des JFMH und demonstrieren anschaulich, wie sie den Feedback-Prozess umsetzen. Ein Schlüsselerlebnis, das es mir ermöglichte, eine Tätigkeit, die ich selbst in einem anderen Kontext zwar schon durchgeführt, aber noch nie bewusst von außen beobachtet habe, noch einmal genauer zu analysieren und die dahinterliegende Kompetenz für mich explizit zu machen.

Faszination Feedback-Prozess

Ich hatte die Gelegenheit, Petra Grell bei ihrer Feedback-Tätigkeit zu beobachten. Das Feedback-geben zu Dissertationsvorhaben ist eine extrem herausfordernde Angelegenheit. Vielen Dank, Frau Grell, für diese sehr wertvolle Erfahrung, die mir genau so viel oder vielleicht sogar noch mehr Erkenntnisgewinn gebracht hat, wie das Feedback selbst (ich komme darauf später noch zurück).

Fast einen ganzen Tag lang werden Vorträge zu unterschiedlichen Themenstellungen gehört und anschließend mit qualifiziertem Feedback versehen. Das erfordert extreme Konzentration und Fokussierung. Schließlich muss man sich in jedes Thema einfinden, den konzeptuellen Rahmen genau analysieren und auf seine Stimmigkeit hin überprüfen. Es bleibt nicht viel Zeit, um reflektierende Gedanken zu sortieren und das Feedback zu formulieren. Oft ist es ja so, dass die wesentlichen Gedanken erst viel später kommen, wenn man alles noch einmal revue passieren lässt.

Um schnelles Feedback zu geben, steht solche „Reflektionszeit“ nicht zur Verfügung. Erfahrung und Routine sind nötig, damit die Reflektionszeit möglichst kurz gehalten sein kann. Der Vorgang bedarf einer sehr ruhigen und sachlichen Grundstimmung. Er hat fast etwas meditatives, denn eigene weiterführende Gedanken und Impulse würden die Fokussierung auf den Feedback-Gegenstand stören. Dazu wäre keine Zeit.

Nur in dieser Grundstimmung ist es möglich, gleichzeitig konzentriert zuzuhören, Details aufzunehmen, sie als wesentlich bzw. unwesentlich zu bewerten, die Kernaussage zu erfassen, blitzschnell zu reflektieren, mit dem eigenen Wissen abzugleichen (dabei aber nicht zu sehr abzuschweifen), daraus ein Feedback zu formulieren und dieses  allgemein verständlich verbal zu vermitteln.

Öffentliches Feedback und Selbstabsichtslosigkeit

Der Feedback-Prozess ist ein sehr wesentlicher Prozess bei der Wissensproduktion. Wie kann man die Tätigkeit des Feedback-gebens in den Onlineraum transferieren? Auch hier sind die oben genannten Fähigkeiten grundlegend. Ein Online-Szenario wäre erforderlich, das genau dies perfekt abbildet und das es Menschen erlaubt, in eine ruhige, sachliche, meditative (oder sagen wir besser „selbstabsichtslose“) Grundhaltung zu gelangen.

Es drängt sich mir ein weiterer Gedanke auf: Wie sollen es Professoren schaffen, die an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften arbeiten, im Schnitt 18 SWS in der Woche lehren und noch organisatorische Herausforderungen zu meistern haben, diese Grundstimmung beizubehalten? Kann Online-Lehre bei der Entschleunigung unterstützen und Freiräume schaffen für Reflektion und Kontemplation? Aber das ist ein anderes Thema.

Mein persönliches Feedback

Ich fokussiere lieber auf mein persönliches Feedback: Ich habe zwar schon versucht herauszuarbeiten, was ich untersuchen möchte, doch muss ich hier noch viel genauer theoretisch untermauern und präsziser formulieren bzw. definieren. Das wird meine nächste Aufgabe sein.

Außerdem stehen die unterschiedlichen Formen von Literacy und ihre theoretische Abgrenzung auf der Agenda. (z.B. Information Literacy, Web Literacy, Media Literacy, etc.) Diesen Exkurs muss ich noch feiner ausarbeiten.

Ich nehme Habermas mit und sein Verständnis von Öffentlichkeit – außerdem die Gegenüberstellung weiterer Theorien zum Themenkreis, bis hin zu meinem Verständnis und meiner Daraufsicht. Der Begriff „Diskurs“, inclusive seiner theoretischen Herleitungen, scheint dabei zentral zu sein. (Nicht nur Foucault, sondern auch Habermas spricht von Diskurs) Nicht zu vergessen, die Definition und theoretische Untermauerung von Wissenschaft sowie unterschiedlicher Formen und Arten von Wissen.

Zuletzt geht es nicht nur um Wissensproduktion, nein, es ist viel mehr. Man müsste von Erkenntnisproduktion sprechen. Das verweist auf etwas noch höheres oder nennen wir es „generisches?“. Ein erster persönlicher Gedanke dazu: Erkenntnisgewinn hat für mich etwas mit Kontemplation zu tun, eine Fähigkeit, die in schnell-getakteten Onlinewelten in immer weitere Ferne rückt. Wie aber holen wir solche wissensbegünstigenden Elemente ins – wo finden wir sie im – Internet? Bewirkt stetige Veröffentlichung und damit Kommentierbarkeit nicht noch mehr Beschleunigung? Läuft das Erkentnissgewinnungsprozessen zuwider? Oder können wir neue, kollaborative Formen des Erkenntnisgewinns für uns entdecken, die unseren geistigen Prozessen angemessen sind? (Tipps zu weiterführender Literatur nehme ich gern an)

Ich wage fast nicht davon zu träumen, mich diesem philosophischen Bereich in meiner Arbeit zur Angewandten Wissenschaft zu nähern. Aber genau hier liegt mein Interesse und meine Faszination. Ich versuche, auf dem Teppich zu bleiben. 😉

Zuletzt muss ich – was mein Anwendungsbeispiel betrifft – kleinere Brötchen backen, sodass mein Vorhaben durchführbar bleibt. Doch wo finde ich ein bestehendes Open Science Projekt, das ich untersuchen kann? Dabei sind solche Projekte aus meiner Sicht nicht zielführend, in denen Open Science als Modellprojekt durchgeführt wird und an denen nur Leute beteiligt sind, die Open Science ohnehin befürworten. Ich bin auf der Suche nach Projekten, die sich in einem Reibungsfeld aus Befürwortern und Gegnern befinden. In diesem Bereich bin ich immer noch nicht weiter gekommen. Dass ein solches Projekt dann auch noch SCRUM einsetzt, ist unwahrscheinlich. Leider. Ich arbeite daran.

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