Mein Lieblingsspiel? Der Open Course, was sonst

Woche 7 (13. – 19. Juni): Müssen wir wieder spielen lernen? Game-Based Learning

Ich war noch nie ein Fan von mal von komplexen Regelspielen in größeren Gruppen. Irgendwie habe ich mich bei den meisten gelangweilt. Die Hauptbeschäftigung bestand bei solchen Spielen darin, zu Sitzen und zu warten bis man wieder an der Reihe war, um Handlungen zu vollführen, in denen man für sein Leben nicht wirklich einen höheren Sinn entdecken konnte. Zumindest mir verweigerte sich die Erkenntnis eines Sinnes häufig hartnäckig. Ich möchte nicht alle Spiele über einen Kamm scheren, aber irgendwie schien mir das bei vielen Spielen verschwendete Zeit gewesen zu sein.

Als Kind hatte ich mit meinen Freunden Spass daran, mir lustige Traumreisen auszudenken, zu malen, zu musizieren, Sandburgen zu bauen, den Wellen zuzusehen, Baumhäuser zusammenzunageln, Wolkenbilder zu raten, mir lustige Reime auszudenken, verrückte Erfindungen zu machen, Kirschen zu klauen, kranke Vögel zu verarzten, abgekokelte Böller zu suchen und diese wieder anzuzünden… Ich schätze, da würde mir eine ganze Seite mit Dingen einfallen, die ich als sinnhaftes Spiel auffasse. Vielleicht sind es sogar hunderte Seiten? Obwohl es zunächst völlig zweckfrei und ziellos schien, war diese Art des Spielens für mich sinnvoll, denn sie verfolgte einen „höheren Sinn“. Es ging um nichts weniger, als um die Entdeckung der Welt.

Mit der Sinnhaftigkeit ist das so eine Sache. Sie ist sehr subjektiv. Ist es sinnvoll, irgendwo zu sitzen und sich zu ärgern, weil man im Monopoly die Parkstraße nicht bekommt? Ist es sinnvoll, bei Trivial Pursuit Antworten auf Fragen zu geben, die für die Menschheit so wichtig sind wie… Da fehlt mir der Vergleich; für mich eben gar nicht wichtig. Warum sollte man sich mit irgendwelchen Konstrukten herumschlagen, die sich jemand ausgedacht hat, damit… ja wozu denn eigentlich?

Was ist überhaupt ein „Spiel“? In der Wikipedia findet sich ein Zitat des niederländischen Kulturanthropologen Johan Huizinga: „Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des ‚Andersseins‘ als das ‚gewöhnliche Leben‘.“ – Huizinga: 1938/1991, S. 37

Das Zitat von Hiuzinga bringt nur einen Teil seiner Theorie des „Homo Ludens“ zum Ausdruck. (Vielleicht sollte man das in der Wikipedia auf der Seite „Spiel“ noch ergänzen) Hiuzinga sieht nämlich den Ursprung der Kultur im Spiel. Das Spiel ist für ihn sinnstiftendes, gestaltendes Element. Das deckt sich mit meinem Verständnis von „Sinnhaftigkeit“.

Auf der Seite www.uni-protokolle.de findet sich der zweite wesentliche Teil der Theorie von Hiuzinga „Er versucht in seinem gleichnamigen Buch zu zeigen dass sich unsere kulturellen Systeme wie Politik Wissenschaft Religion Recht usw. ursprünglich aus spielerischen Verhaltensweisen entwickelt und über Ritualisierungen im Laufe der Zeit institutionell verfestigt haben. Aus Spiel wird Ernst und wenn sich die Regeln erst richtig „eingespielt“ haben sind sie nicht mehr ohne weiteres zu ändern und beginnen ihrerseits Zwangscharakter anzunehmen.“

Die Theorie liefert ein Erklärungsmodell, warum mir viele Spiele langweilig erschienen. Sie hatten entweder keinen höheren Sinn oder er war in „ritualisierten Regeln“ verloren gegangen und für mich nicht mehr erkennbar.

Wenn unsere Kultur sich tatsächlich spielend entwickelt hat, dann könnte ein höherer Sinn im Spiel darin liegen, die Welt und ihre Regeln zu begreifen, sie in all ihrem Reichtum zu lieben und sie dort, wo etwas noch nicht so gut ist, mit anzupacken um das Wunderwerk Welt noch ein Stückchen besser zu machen. Spiel als Mittel, Kultur zu schaffen und weiterzuentwickeln, aber auch zu hinterfragen und aufzuweichen wo sie festgefahren ist.

OPCO? Könnte nicht der Open Course auch so eine Art Spiel mit ähnlichem Sinngehalt sein?

Wenn ich surfe und in Online Communitys agiere, dann ist das tatsächlich vergleichbar mit dem freien Spiel aus meiner Kindheit, das ich zu Anfang beschrieben habe. Das ist ja traumhaft. Ich darf wieder spielen! Ich fühle mich wie ein neugieriges Kind und der Open Course ist mein persönlicher Spielraum für Kreativität, Lernen und Selbstverwirklichung.

Aber zurück zum Thema Game-Based-Learning:

So, Liebe Didaktiker, und nun? Was wollt Ihr denn wie, warum und vor allem mit welchem Sinn in Euren Lern-Spielen vermitteln? Und kommt mir jetzt bloß nicht mit Monopoly oder Trivial Pursuit für Lerner. Das haue ich Euch sofort um die Ohren.

Ja, ja. Vermutlich gibt es bestimmte Lernszenarien, in denen beispielsweise ein Planspiel Sinn macht. Aber das sind ein paar wenige, ausgewählte Szenarien, die noch zu bestimmen wären. Und wenn diese gefunden sind, müsst Ihr Euch schon sehr anstrengen um mir in einem Lernspiel echten Sinn zu vermitteln, wo da draußen (egal ob im Internet oder auf der Straße) eine Welt auf mich wartet, die wunderschöner nicht sein kann und in der ich jede Sekunde im freien Spiel etwas absolut Sinnvolles lerne. Und das einfach durch mein Mensch-Sein, einfach durch mein Da-Sein in dieser Welt zusammen mit anderen Menschen.

Wenn ich spiele, dann möchte ich gestalten, verändern, Einfluss nehmen. Ich brauche einen hohen Grad an Entscheidungsfreiheit. Ich möchte etwas Bedeutendes tun oder sein und ich möchte das Gefühl haben, mich dabei selbst verwirklichen zu können.

Wenn schon vorgegebene Regeln im Game-Based-Learning, dann bitte solche, die einen höheren Sinn vermitteln und auch erkennen lassen. Es muss ja nicht gleich die Rettung der ganzen Welt sein. 😉

Quellen:

Wikipedia. Seite: Spiel.
Online in Internet: URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Spiel (Stand 11.06.2011).

Homo Ludens.
Online in Internet: URL: http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Homo_ludens.html (Stand 11.06.2011).

Friedrich Schiller Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795). Reclam 2000 ISBN 3150180627
Herbert Marcuse Der eindimensionale Mensch (1964). DTV Neuauflage 2004 ISBN 3-423-34084-3
Johan Huizinga Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel (1939). Rowohlt Verlag 1994 ISBN 3-499-55435-6

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