Öffentliche Wissenschaft, Ethik und Onlineforschung

Im Rahmen einer öffentlichen Wissenschaft, die Forschungdaten, Testmethoden und Testsettings offenlegt, werden auch in der Onlineforschung verstärkt ethische Fragen diskutiert werden müssen.

Live-Soap-Operas, umgangssprachlich auch Sozialpornos genannt, treten einen Eroberungszug an. Formate wie “Big Brother”, “Djungelcamp” und “Bauer sucht Frau” werden inzwischen weltweit ausgestrahlt. Der Satiriker Jan Böhmermann schleuste unlängst einen Kandidaten in die Sendung „Schwiegertochter gesucht“ ein und brachte menschenunwürdige Zustände zutage. Aber auch auf Onlineplattformen wie Second Life oder Facebook finden tagtäglich ungewollte Sozialpornos statt: Ein Eldorado für Onlineforscher und solche, die es werden wollen.

Da die Disziplinen der Online Cultural Studies und Online Cultural Anthropology recht neu sind, gibt es wenige ethische Grundsätze. Gerade in den englischsprachigen Ländern scheint eine Ethikkommission nicht immer zwingend nötig zu sein, wenn es um Instrumente zur Erfassung menschlichen Erlebens und Verhaltens im Onlinebereich geht. Und auch im Management wird in Online- aber auch Offline-Assessments analysiert was das Zeug hält. Wo ist die Grenze des ethisch Vertretbaren? Man könnte meinen, die folgenden Aussagen sollten allgemeiner Konsens sein. Doch sind sie es tatsächlich?

Ethisch vertretbare Onlineforschung…

  • …nicht ohne Wissen und aktive Zustimmung der Probanden.
  • …nicht ohne vorherige eingehende Anamnese und ohne zu schauen, ob sich der Proband vielleicht gerade in einer schwierigen Lebenssituation befindet und das Forschungsvorhaben diese noch weiter erschweren könnte.
  • …auf keinen Fall in einem längerfristig und emotional geprägten Kontakt zwischen Forscher (bzw. Test-Akteur) und Probanden – Insbesondere dann nicht, wenn im sozialen Feld zu erwarten ist, dass Probanden sich auf den Forscher emotional einlassen und beginnen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Probanden werden so für Interessen benutzt, die ihnen selbst nicht bekannt sind.
  • …ohne unerlaubte Grenzüberschreitungen, d.h. ohne das unbefugte Eindringen in persönliche Bereiche.
  • …ohne Tests in denen Probanden im Rahmen eines “digital nudging” bestimmte Informationen vorgesetzt werden oder – noch schlimmer –  in denen sie ohne ihr Wissen mit Falschinformationen versorgt werden, um ihre Reaktion zu testen. Dies zerstört jegliches Vertrauen in ein vormals gut funktionierendes System aus Empfehlungen aus dem Freundeskreis bzw. aus Communities des Probanden. Dieser Personenkreis würde nur in eigener Unwissenheit eine Falschinformation empfehlen, was einer Seltenheit gleichkäme. Eine Häufung von Falschinformationen ist demnach dem Probanden gegenüber ethisch nicht zu vertreten.

Doch wie sollen Forscher vorgehen, um an valide Daten zu gelangen, wenn all diese Dinge ethisch nicht vertretbar sind? Hier bedarf es Standards und weiterer Diskurse. Im Zweifelsfall sollte die Rücksicht dem Probanden gegenüber die höchste Priorität genießen und eine Ethikkommission eingeschaltet werden. Von öffentlicher Wissenschaft – die ja für Transparenz in der Forschung steht – scheint hier bislang noch wenig Notiz genommen zu werden.

Onlineforschung braucht Verifizierung im realen Leben

Natürlich hängt das vom jeweiligen Forschungsdesign ab, aber Onlineforschung braucht oft Verifizierung im realen Leben, denn es gibt viele Unwägbarkeiten. Gerade wenn die Handlungen eines Probanden im Internet über längere Zeit beforscht werden, kann es beispielsweise vorkommen, dass er eine bestimmte Suchanfrage nicht aus eigenem Interesse sondern für eine andere Person durchführt. Es kann auch sein, dass andere Personen den Browser des Probanden nutzen. Wenn ein Proband, der z.B. über eine IP-Adresse oder über sein Google-Konto identifiziert wird, etwas über eine Krankheit oder über eine philosophische Richtung googelt, bedeutet das noch lange nicht, dass er die Krankheit hat oder dass er eine bestimmte philosophische Meinung vertritt. Gerade in halbwissenschaftlichen Bereichen wie beispielsweise Assessments im Management, ist durch falsche Schlussfolgerungen der Scharlatanerie mit Online-Daten Tür und Tor geöffnet.

Es kann also erforderlich werden, die im Internet gewonnenen Indizien im realen Leben von Probanden zu überprüfen. Dies könnte beispielsweise durch konstruierte Testsituationen geschehen, in denen Menschen mit bestimmten schematischen Verhaltensweisen konfrontiert werden um zu sehen, wie sie reagieren. Um das Forschungsergebnis nicht zu gefährden, könnte es nötig werden, den Personen zu verschweigen, dass sie Gegenstand einer Untersuchung sind. Aufgabe des Forschenden wäre es dementsprechend, wie zufällig wirkende Begegnungen zu konstruieren, mit Menschen, die ein Schema bedienen bzw. etwas zu verkörpern scheinen, das im Zusammenhang mit dem steht, das gerade überprüft und beforscht werden soll. Doch wie sieht es hier mit der Ethik aus?

Konstruieren von Test-Situationen im öffentlichen Raum

Ein Eindringen in sensible Bereiche wie Freundschaft, Partnerschaft, Sexualität oder Emotionalität darf auch hier nur mit vorheriger Einwilligung geschehen. Das versteht sich von selbst. Forschungsdaten dürfen nicht personenbezogen erhoben werden und es dürfen auch keinesfalls Dritte in irgend einer Form Kenntnis über die Identität der Probanden erhalten. Werden diese einfachen Regeln nicht befolgt, können Probanden massive seelische Schäden davontragen.

Aber auch das Konstruieren von Situationen im öffentlichen Raum, beispielsweise das zwar konstruierte aber dennoch zufällig wirkende Zusammentreffen von drei Personen in einem Einkaufsladen, die Personen ähneln, die der Proband im realen Leben kennt, um herauszufinden, wem von den dreien der Proband am meisten zugewandt ist, ist eine höchst fragwürdige Angelegehneit.

  1. Es kann nicht überprüft werden, ob die beabsichtigte Ähnlichkeit vom Probanden tatsächlich erkannt wird. Eine Reaktion wäre dementsprechend rein zufällig und ohne Aussagekraft.
  2. Es kann nicht überprüft werden, ob der Proband den Schwindel nicht längst bemerkt hat und aus diesem Grund untypisch reagiert.
  3. Es kann sein, dass der Proband in einem bestimmten Moment gar nicht an irgendeinem Kontakt interessiert ist und wegen einer zufälligen Stimmungslage ablehnend reagiert, die in keinerlei Zusammenhang mit der Testsituation oder der Forschungsfrage steht.
  4. Sensible Kandidaten könnten solche Konstruktionen gegebenenfalls spüren und aufgrund dessen anders reagieren als gewöhnlich. Es besteht zudem die Möglichkeit, dass der Proband unterschwellig etwas ahnt und mit der Zeit beginnt, an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, da eine Serie derart zufällig wirkender Begebenheiten im realen Leben höchst unwahrscheinlich ist. Dies könnte dazu führen, dass der Proband nach einer Weile völlig verunsichert wird und mit Furcht bzw. mit Unmut reagiert. Es muss – zumindest bei sensiblen/sensitiven Personen – in Betracht gezogen werden, dass diese schwere emotionale Schäden durch solche Art von Forschungstätigkeit erleiden könnten.
  5. Gerade sensible/sensitive Probanden reagieren mit „sozialer Erwünschtheit“ weil sie spüren, dass der Forscher bzw. der Test-Akteur ein bestimmtes Ergebnis erwartet. Dies kann zu selbsterfüllenden Prophezeihungen führen. Wenn beispielsweise dem Probanden ein negatives Merkmal (z.B. Machtorientiertheit oder wenig unterstützendes Verhalten) zugeschrieben wird, das überprüft werden soll, so besteht die Gefahr, dass der Proband in exakt der Art reagiert, wie es vom Forscher beabsichtigt war. Nicht ausgebildete Test-Akteure können unterschwellige Hinweise geben, die sie selbst nicht einmal bemerken und den Probanden auf diese Weise in die „gewünschte“ Richtung lenken. Der Proband  ist dann vielleicht über sich selbst überrascht oder beginnt an sich selbst zu zweifeln.
  6. Es kann sein, dass der Proband auf andere unterschwellige Reize reagiert, die das Testergebnis verfälschen. z.B. der angeworbene Test-Akteur fühlt sich befangen und wirkt trotz eindeutiger Schemata wie ähnliche Körpergröße, Statur, Kleidung, Schlüsselworte, ähnlicher Beruf, etc. nicht sympathisch auf den Probanden. Dies würde zu einer ablehnenden Reaktion führen, obwohl der Proband tatsächlich einer bestimmten Person zugewandt ist.
  7. Möglicherweise gibt es äußere, im realen Forschungsfeld nicht beeinflussbare Reize, wie beispielsweise plötzlich auftretendes grelles (Sonnen)licht oder laute Musik etc. die dafür sorgen, dass das Ergebnis einer Beobachtung verfälscht wird.

Angesichts der genannten Herausforderungen, müsste ein entsprechender Test also mehrfach durchgeführt werden, um Wiederholbarkeit zu gewährleisten und Validität zu sichern. Ein Proband müsste in diesem Fall wiederholt mehreren Testprozeduren unterzogen werden. Dies ist ehtisch aber insofern nicht vertretbar – zumindest nicht ohne vorherige Zustimmung des Probanden – da diesem mit jedem Versuchsdurchlauf kostbare Lebenszeit gestohlen wird.

Von der Unmöglichkeit in nicht-transparenten Forschungssettings „stop“ zu sagen

Dadurch, dass Probanden konstruierten Situationen gegen ihren Willen und ohne vorherige Kenntnisnahme ausgesetzt werden, wird es ihnen während der Testsituationen unmöglich gemacht, souverän und freiheitlich am (realen) Leben teilzunehmen und Gefühle zu empfinden, die auf Basis und als Resonanz aus realen Gegebenheiten entstehen. Ein derartiges Eingreifen in die Gefühls- und Gedankenwelt von Probanden sollte von ehtischen Standpunkten aus gesehen nicht zulässig sein. Probanden werden ohne ihr Wissen in einem künstlichen Testmodus von der Welt ferngehalten, getäuscht und für Forschungszwecke vereinnahmt. Je nach Ausmaß des Forschungsinteresses und nach Menge der konstruierten Forschungssituationen kann es hierbei zu Situationen kommen, die vergleichbar sind mit emotionalem Ausnutzen oder gar Stalking.

Man bedenke, dass der Proband in einer nicht offengelegten Forschungssituation keine Möglichkeit hat, „stop“ zu sagen. Äußert er Vermutungen wie „er werde beforscht oder beobachtet“, könnte es sogar passieren, dass Freunde ihn verwundert fragen, ob er vielleicht psychologischer Behandlung bedürfte, etwas überreizt wäre, etc.

Mit der Unmöglichkeit, nicht offengelegte Testsituationen anhand von konkret nachprüfbaren Fakten einzuschätzen und die Testsituation wirksam zu verhindern, sind unter anderem Gefühle des Verlusts der digitalen aber auch realen Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit sowie der körperlichen und geistigen Unversehrtheit verbunden – beides Faktoren, die grundlegend sind für Resilenz. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist ein Menschenrecht. Es sollte auf die geistige Unversehrtheit ausgeweitet werden und mit in eine weltweit gelebte Forschungsethik einfließen.

Das absolute Horrorszenario wäre ein Mensch, der völlig vereinsamt, weil er in einer Langzeitstudie immer wieder mit künstlichen Testsituationen konfrontiert ist, die ein ehrliches und authentisches Miteinander verhindern, mit Menschen, die ihn lieben bzw. mögen und die nicht in ein Forschungssetting eingebunden sind. Dabei ist es unabhängig, ob die Situation online oder offline stattfindet.

Privatsphäre und körperliche wie geistige Unversehrtheit

Je tiefer die Testsituation in die Privatsphäre des Probanden eindringt und je häufiger Tests vorgenommen werden, desto gravierender zeigen sich die emotionalen Folgen. Dies wäre beispielsweise bei Forschungssituationen der Fall, in denen sich ein Test-Akteur unerkannt in eine Wohngemeinschaft einmietet, dort konstruierte Situationen herbeiführt, um auf dieser Basis das Verhalten des Probanden zu beobachten. Um beispielsweise zu erforschen, welche Rolle eine besimmte Person in einem Team einnimmt, wäre es möglich einen Stellvertreter, der über Eigenschaften einer als komplementär angenommenen Rolle verfügt, in eine WG einzuschleusen um zu beobachten, wie die Proband und Stellvertreter miteinander interagieren. Ein höchst unwahrscheinliches Konstrukt, aber dennoch denkbar. Big Brother lässt grüßen.

Kaum vorstellbar sind solche Forschungssettings, die in Online-Partnerbörsen stattfinden könnten. Der Zugang zu solchen Daten ist Forschers Glück. Hier kann er sich austoben. Und es bedarf nicht einmal einer großen Kunst, an Daten zu gelangen. Ein falsches Profil ist schnell erstellt. Ein paar nette Worte verschickt. Und los geht`s. Für die ehrlichen Suchenden, ist es zunächst nicht überprüfbar, wer es wirklich ernst meint oder nicht und welche Hintergedanken im Spiel sind. Welch grausame Vorstellung, dass die hilflose Einsamkeit von Menschen und der damit verbundene Wunsch nach einem Partner auf derart schändliche Art bloßgestellt und missbraucht werden könnte. Zusätzlich wird das eigentliche Ziel des Probanden – nämlich einen Partner zu finden – durch das Forschungsvorhaben vereitelt. Aber so etwas würde ja kein Forscher oder Profiler tun… oder etwa doch?

Mit “Big Brother” und co gibt es bereits öffentliche Beispiele für derartige, zweifelhafte und menschenunwürdige Versuchszenarien: Schein-Beziehungen im Rahmen der Inszenierung menschlicher Abgründe. Doch haben sich in diesem Fall die Probanden freiwillig für ein Experiment gemeldet. Sie wissen, dass das Experiment in einem gewissen Rahmen stattfindet und können das Experimentierfeld unter Berücksichtigung von bestimmten Regeln wieder verlassen. Sie wurden außerdem über die emotionalen Folgen wie Stress etc. informiert. Sie wurden (HOFFENTLICH!) im Vorfeld verschiedenen Tests unterzogen, die ihre emotinale Stabilität und Stressresistenz bestätigten, um zu verhindern, dass Menschen unter hohem emotionalen Druck zusammenbrechen. Idealerweise gibt es einen Psychologen, der Probanden betreut, die mit belastenden Situationen emotional nicht zurechtkommen. (Wobei die Untersuchung von Jan Böhmermann eher vermuten lässt, dass die genannten Services in der Organisation der meisten Sozialpornos nicht mit inbegriffen sind)

Was, wenn es all dies in der Forschung ebenfalls nicht gäbe und Menschen zusätzlich nicht einmal wüssten, was mit ihnen geschieht?

Forscher der ganzen Welt, deren Forschungsgegenstand der Mensch ist, sollten eindringlich darüber nachdenken!

Um wieder zum Anfang zurück zu kommen: Im Rahmen einer öffentlichen Wissenschaft, die Forschungdaten sowie Testmethoden und Testsettings offenlegt, werden auch in der Onlineforschung verstärkt ethische Fragen diskutiert werden müssen – das nicht nur in der Onlineforschung.

Und das ist gut so! Sehr gut!

(sorry, dass der Artikel nicht englisch ist. Beim nächsten mal… 🙂

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