Rettet den Bruch – Eine Initiative zum Erhalt des Steinbruch Theaters Mühltal

Das Steinbruch Theater Mühltal. Unzählige Füße sind hier gelaufen, Augen haben geschaut. Es wurde gelacht, geweint, diskutiert, herumgealbert. Beziehungen und Freundschaften entwickelten sich. Schul- oder Jugendfreunde fanden sich wieder. Über die Jahrzehnte entstand in dem etwas in die Jahre gekommenen Bau Reichtum. Kein äußerer, nein, das jetzt nun wirklich nicht. Aber jede klebrige Wand, jede alte Treppenstufe, die verkratzte aber immer noch glänzende Tanzfläche, die dunkle Theke mit den wackelnden Barhockern und den altmodischen Kacheln aus den 80ern – alles ist und bleibt gefüllt mit Erinnerung, Sinn und Bedeutung: Zutaten aus denen sich Kultur speist. Unbezahlbar.

Die 40 jährige Geschichte des weit über den Landkreis hinaus zu Ehren gekommenen Kulturraums Steinbruch Theater soll ende November 2019 nicht mehr fortgeschrieben werden. Eine ganze Community wird kulturell heimatlos. Es trifft insbesondere das „Vintage-Publikum“. Der Vintage-Montag im Steinbruch (früher als Time-Warp bekannt) hat sich schon vor einigen Jahrzehnten zu einer festen und nicht mehr wegzudenkenden Instanz entwickelt. Er ist es bis heute geblieben. Im Umkreis von mehreren hundert Kilometern gibt es keinen vergleichbaren Ort, der Menschen zwischen 15 und 75 Jahren, auf diese ganz besondere Art und Weise unter dem Motto „come as you are“ zusammen bringt.

Der Vintage Montag im Steinbruch Theater Muehltal - Oldies and Goldies

Der Vintage Montag im Steinbruch Theater Muehltal – Oldies and Goldies

Nirgendwo ist man so unbekümmert „man selbst“ wie hier. Liebenswerte Ecken und Kanten von Originalen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, sind willkommen. Hier darf man eigen sein oder Macken haben. Toleranz, Rücksichtnahme und Freiheit werden groß geschrieben. Alter oder Aussehen, wen kümmert das schon. Innere Werte wie Authentizität stehen hoch im Kurs. Sie prägen diesen besonderen und deswegen unbedingt schützenswerten Kulturraum. Auch und gerade beim Tanzen; sich so bewegen, wie man sich fühlt, ganz egal, ob man dabei eine „gute Figur“ abgibt. Auf der Tanzfläche rettet man sich für einige Stunden Lebendigkeit und Selbstverwirklichung in den Alltag hinein – bewegt sich jenseits des Konkurrenzdrucks einer profilneurotischen Leistungsgesellschaft, durch deren Raster immer mehr Menschen fallen.

Im Bruch wird Reichtum anders definiert: als aktiv gelebte Kulturvielseitigkeit und er kommt von innen – aus dem Herzen einer einzigartigen Community mit vorbildlichen Grundwerten.

Das Agora ließe sich – was die Grundwerte betrifft – vielleicht ansatzweise vergleichen, aber nur vordergründig. Der noch junge Kulturraum in Darmstadt wird von einer ganz anderen Community mit einer ganz eigenen kulturellen Ausrichtung getragen. Nein. Der Steinbruch ist und bleibt einzigartig. Er kann nicht einfach so ersetzt werden. Mit seiner Schließung würde etwas ganz Besonderes und damit Wertvolles unwiederbringlich zerstört. Es geht hier nicht in erster Linie um ein Gebäude. Es geht vielmehr um Menschen und um den Erhalt ihrer kulturellen Traditionen und Ausdrucksformen.

Zugegeben. Das Gebäude entspricht nicht den Richtlinien für barrierefreies Bauen. Ein Rolli müsste bereits vor dem Eingang kapitulieren. Auch die Treppen im Innenraum erschweren das freie Bewegen auf Rädern. Aber solang noch kein Umbau in Sicht ist, kann der Rolli auch durch den Nebeneingang in das Gebäude gelangen. Es gibt immer helfende Hände. Menschen mit unterschiedlichen Handicaps kommen regelmäßig in den Steinbruch. Über Inklusion wird nicht gesprochen, sie wird gelebt. Hier ist man nicht perfekt, man ist. Und man unterstützt sich. Hier fällt niemand durch ein Raster.

Verwunderlich, warum hier (noch!) so wenige öffentlichkeitswirksame Initiativen in den Medien zu finden sind. Kultur ist schützenswert. Sind wir denn alle sprachlos geworden? Hat uns der Alltag so sehr im Griff? Nur langsam beginnt sich etwas zu regen. Auch ich habe viel zu lange gezögert. Petra hat mich mit ihrem Film motiviert. Sie kommt seit vielen Jahren in den Steinbruch. Sie hat das, was die Kult-Disco ausmacht, auf den Punkt gebracht. Sie hat recht. Hier muss was passieren.

Den Beitrag Rettet den Bruch – Streinbruch Theater Muehltal darf nicht schließen auf Youtube anschauen

Bei Radar (Radio Darmstadt) gab es einen Beitrag zum Thema. Karin Kirchmeyer und Volker Möll haben eine Peition auf den Weg gebracht mit dem Ziel, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Stand 25. September sind bereits weit über 3000 Stimmen zusammen gekommen. Je mehr es werden und je mehr Leute sich in irgend einer Form äußern, desto schneller kann etwas bewegt werden.

Auch wenn Du kein Stammgast im Steinbruch bist, warst Du sicher über die Jahrzehnte schon einige Male da. Wach auf, steig in die Diskussion mit ein und hilf, diesen einzigartigen Kulturraum zu schützen. Es muss nicht immer Hochkultur sein. Pop- und Communitykulturen mit geschichtlicher Perspektive werden inzwischen auch als Kulturgüter definiert. Es geht hier also um nicht mehr und nicht weniger als um den Erhalt von wertvollem immateriellen Kulturerbe in der Region. Und es geht darum, dass unsere Region reich bleibt. Der Verlust von Kultur macht eine Region nicht nur im Herzen, sondern auch finanziell ärmer, denn sie verliert Kontour, Charakter und damit Lebensqualität.





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