Toleranz, Vertrauen und Zuversicht schaffen, wo andere verbrannte Erde hinterlassen…

Wie soll man damit umgehen, wenn Unbekannte oder nicht zu ermittelnde Personen vor einiger Zeit an einem Ort verbrannte Erde hinterlassen haben? Ein Ort an dem man sich viele Jahre danach niederlassen und Aufbauarbeit leisten möchte. Wie kann ein Klima des Vertrauens, der Toleranz und der Zuversicht geschaffen werden ohne zu vergessen und zu verschweigen? Am Ort selbst und in den Herzen aller Menschen, die ihn jemals betreten.

Ich denke selten politisch, vielmehr bin ich philosophisch und wissenschaftlich orientiert. Es gibt aber Themen, da ist es Menschenpflicht, die Metaperspektive zu verlassen. Da geht es nicht um Betrachtungen, die vom sozialwissenschaftlichen Elfenbeinturm aus, alle Aspekte eines Themenbereiches möglichst objektiv und emotionslos abwägen. Werturteilsfreiheit ist an dieser Stelle fehl am Platz. Max Weber stößt mit seinem Postulat insbesondere dort an Grenzen, wo Menschen verbrannte Erde hinterlassen haben. Ich muss also Stellung beziehen. Schweigen würde Akzeptanz bedeuten. Zivilcourage ist gefordert – lautwerden mit inbegriffen.

Laut bin ich eigentlich gar nicht gern und ich frage mich immer wieder: Können die Menschen nicht einfach von sich aus friedlich sein und tolerant? Warum verletzen einige, allen Wissens zum Trotz Menschenrechte und untergraben so demokratische Werte und Selbstvertändnisse? Es scheint, als würden sich tiefe Risse überall auf dem Globus auftun. Klaffende Wunden, entstanden durch all die Erden, auf denen es einmal brannte. Orte lassen sich wieder aufbauen. Doch wer kann all die menschlichen Seelen heilen, die betroffen sind. Wer kann solche Wunden nähen, sind sie doch unsichtbar –  von viel größerer und nachhaltigerer Zerstörungskraft als die räumlich zu verortenden. Diese unsichtbaren Wunden bleiben für viele Betroffene oft ein Leben lang. Sie werden vererbt an Kinder und Kindeskinder. Eine schwere Last, die sich nur dann auflöste, wäre die Welt friedlich – eine Utopie.

Auch bei nicht abschließend zu klärender Motivlage ist angemessenes Handeln angesagt

Was kann man tun, um Heilung herbeizuführen? Gibt es überhaupt Heilung? Sich Erinnern und gemeinsam darüber sprechen ist unglaublich wichtig. Menschen wie Reinhard Gruenewald aus Reinheim sorgen dafür, dass auch jüngere Generationen ein Bewusstsein für die Geschehnisse entwickeln und ihren Geist mit Blick auf die Menschenrechte sowie auf tolerantes und couragiertes Handeln schärfen. Es gibt Initiativen im Odenwald, wie beispielsweise das „Bündnis gegen Rechts“ und der „Runde Tisch“ ein Aktionskreis für internationale Verständigung, die konkret Hilfe leisten, wenn sie benötigt wird.

Doch was ist damals in der Wiesenmühle Beerfurth eigentlich passiert? Schon lange bevor ich im Jahr 2017 ins Projekt einstieg, gab es ein Feuer. Das Anwesen wurde – bis zum Brand – in einigen Gebäudebereichen als Wohnstätte für Mitbürger und Mitbürgerinnen mit Migrationshintergrund genutzt. Das Positive zuerst: Niemand kam durch das Feuer zu Schaden und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in den umliegenden Orten war groß.

Den Berichten zufolge war man bei dem Brand im Jahr 2002 jedoch von vorsätzlicher Brandstiftung ausgegangen. Die Täter konnten nicht ermittelt werden. (Dokumentation der Geschehnisse auf den Seiten der Feuerwehr Reichelsheim mit zugehörigen Presseberichten) Der Anschlag sei „nicht politisch motiviert“, hieß es im Odenwälder Echo vom 31.05.2002. Von anderer Seite wurde Kritik am Vorgehen der Ermittler des Bundes- und des Landeskriminalamtes laut. „Man habe nicht engagiert genug ermittelt und so einen möglichen fremdenfeindlichen Hintergrund vertuschen wollen“, hieß es. In letzter Konsequenz lässt sich nicht abschließend klären, welche Motive der Brandstiftung zugrunde lagen doch bleibt als stiller Vorwurf im Raum stehen, dass etwas möglicherweise geschehen ist, es jedoch mangels an Beweisen nur benannt, nicht aber verifiziert werden kann.

Der inzwischen verstorbene damalige Eigentümer veräußerte die Mühle im Jahr 2010. Einige der Gebäude stehen bis heute leer und ich versuche seit 2017, die alten Gemäuer wieder zum Leben zu erwecken. Und da stolpere ich plötzlich über diesen Teil ihrer Vergangenheit. Schon allein die nicht abschließend bewiesene Möglichkeit des Tathergangs ist so schrecklich, so furchtbar, so denkwürdig, das ich nicht umhinkomme mir zu überlegen, wie ich damit künftig umgehen kann und soll.

Den Weltfrieden werden wir so schnell nicht verwirklichen, aber vielleicht kann ein kleines Stück Utopie an denkwürdigen Orten Wirklichkeit werden. Aus verbrannter fruchtbare Erde machen…. Wäre es nicht wunderbar, wenn das gelänge? Mal schauen, was ich mir dazu einfallen lasse. Jetzt ist zunächst einmal die Aktion „Beleuchtete Gersprenz“ am zweiten Samstag im Dezember angesagt. Ein Zeichen für den Frieden ist doch schon mal ein kleiner Anfang, oder? Ein ganz kleiner… aber ein Anfang.

Quelle

 

 

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